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10/03/17

Der Holocaust-Vergleich ist bei Tierschützern beliebt


GRÜNE ⋅ Nationalrat Jonas Fricker wurde zum Verhängnis, dass er die Zustände in der Massentierhaltung mit dem Holocaust verglichen hat. Damit ist er nicht allein. Der Vergleich ist bei Tierschützern beliebt.

Dominik Weingartner

Nach zwei Jahren ist bereits wieder Schluss: Der grüne Aargauer Nationalrat Jonas Fricker tritt wegen seines umstrittenen ­Holocaust-Vergleichs zurück. Er hatte am Donnerstag bei der ­Debatte zur Fair-Food-Initiative der Grünen den Transport von Schweinen in der Massentierhaltung mit der Deportation von Menschen ins Vernichtungslager Auschwitz im Zweiten Weltkrieg verglichen. In der vorbereiteten Rede sagte Fricker, die damals deportierten Menschen hätten eine höhere Überlebenschance als die Schweine gehabt.

Fricker ist nicht der Erste, der den Umgang des Menschen mit Nutztieren mit dem Massenmord an Millionen Juden und anderen Menschen im Zweiten Weltkrieg vergleicht. Im Gegenteil, der Vergleich ist unter Tierschützern beliebt. Auf Youtube findet man Filme mit Titeln wie «Es sind ja nur Tiere. Holocaust unserer Zeit» oder «Das Leiden der Tiere – Der Holocaust auf unserem Teller». Auch Peta lancierte einst eine Kampagne mit dem Namen «Der Holocaust auf Ihrem Teller», mit der die nach eigenen Angaben grösste Tierschutzorganisation der Welt auf das Leiden von Masttieren aufmerksam machen wollte. In Deutschland wurde die Kampagne verboten. Auch andere Tierschutzorganisationen machen oder verteidigen den Holocaust-Vergleich mit der Argumentation, dass ein Tier nicht weniger wert sei als ein Mensch. Die Kritiker des Vergleichs wiederum monieren, dass damit Juden den Tieren gleichgestellt werden.

«Unangemessener Zusammenhang»

Doch sind Frickers Aussagen überhaupt antisemitisch? Der gebürtige Schweizer und Antisemitismusexperte am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Micha Brumlik, meint: «In gewisser Weise ja, weil es das, was mit den mindestens sechs Millionen Juden geschehen ist, in einen unangemessenen Zusammenhang bringt.» Es sei keine Frage, dass Massentierhaltung schrecklich sei, so Brumlik. Doch es gebe einen qualitativen Unterschied: «Tiere haben im Gegensatz zum Menschen kein Gefühl für diese unglaubliche Entwürdigung, denen die Opfer des Holocausts ausgesetzt waren», sagt er. Tierschützer würden sich angesichts des grossen Leides mit den Opfern der Massentierhaltung so stark identifizieren, dass sie darob «die historische Angemessenheit vermissen lassen».

Die Aussage von Fricker im Nationalrat hat einen medialen und politischen Aufschrei provoziert. Der Druck auf den 40-Jährigen wurde so gross, dass er am Samstagabend seinen Rücktritt ankündigte. Ob Fricker diesen Schritt freiwillig ergriffen hat, wie Exponenten der Grünen glauben machen wollen, bleibt vorderhand offen. Er ist für Medienanfragen zurzeit nicht erreichbar.

Dafür spricht Fraktionschef Balthasar Glättli. Er bestreitet, dass die Partei Fricker zum Rücktritt drängte: «Jonas Fricker hat seinen Rücktritt in eigener Verantwortung beschlossen und damit ein starkes Zeichen gesetzt», sagt Glättli. Fricker selber hat seinen Rücktritt damit begründet, dass es diese Klarheit brauche «in einer Zeit, da menschenverachtende Politik wieder salonfähiger wird». Glättli sagt dazu: «Diese Haltung nötigt uns sehr hohen Respekt ab.»

Gleichzeitig betont der Grünen-Fraktionschef: «Holocaust-Vergleiche sind für uns unhaltbar, in welchem Kontext auch immer. Wir wollen uns mit ethischen Argumenten gegen die Massentierhaltung einsetzen, nicht mit unhaltbaren Vergleichen.» Auch Fricker habe umgehend im Rat und direkt gegenüber den jüdischen Gemeinschaften um Entschuldigung gebeten. Dass der Israelitische Gemeindebund Frickers Entschuldigung angenommen hat, sei für die Grünen «sehr wichtig», so Glättli. Der Zürcher Nationalrat schliesst auch ein politisches Comeback Frickers nicht aus. «Er hat sich so viele Jahre für die Grünen engagiert und wird es hoffentlich weiter tun.»

Frickers Sitz im Nationalrat übernimmt nun die Aargauer Grossrätin Irène Kälin, Lebensgefährtin von Werner De Schepper. Der Journalist ist Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», die wie der «Blick» zum Ringier-Verlag gehört. Dieser hatte Fricker als «Skandal-Grünen» bezeichnet. De Schepper sagt, er habe Frickers Rücktritt nicht forciert, entsprechende Gerüchte «entbehren jeglicher Grundlage».

Der Holocaust-Vergleich ist bei Tierschützern beliebt


Written by: http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/schweiz/der-leidige-vergleich;art9641,1113751
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